Die Hand im Kohlenkeller Görlitzer Autorin Eveline Schulze schreibt über frühere Kriminalfälle

Die Hand im Kohlenkeller
In ihrem Buch „Mord in der Backstube“ verarbeitet die Görlitzerin Eveline Schulze zum vierten Mal Kriminalfälle aus ihrer Heimatstadt. Verlag Das Neue Berlin
Foto: Verlag Das Neue Berlin
GÖRLITZ  Eveline Schulze hat wieder zugeschlagen. Mit dem Stift natürlich. Und Papier. Unlängst fand die Premierenlesung ihres inzwischen schon vierten Buches über Mordfälle aus der DDR-Zeit statt. Titel: „Mord in der Backstube“. Beschrieben werden Fälle, die Ende der 1940er- und Mitte der 1960er- Jahre ganz Görlitz in Atem hielten.Als Eveline Schulze zu Lesungen ihrer bisher erschienenen drei Bücher lud, wurde sie immer wieder auf zwei Fälle der Görlitzer Kriminalhistorie angesprochen, die damals für Angst unter der Bevölkerung gesorgt hatten. Und sie nahm den Faden auf, recherchierte, trug Fakten zusammen, befragte Zeitzeugen – und schrieb. Entstanden ist „Mord in der Backstube“.

Der trug sich in den Jahren 1948/49 zu. Es geht um zwei Görlitzer Familien. Die eine verdiente ihre Brötchen mit einem Lebensmittelgeschäft. Ruth, die Tochter, und Hanna, das Lehrmädchen, entflammten in Liebe zum Sohn der befreundeten Familie eines Schmuck- und Lederwarenhändlers, der von Zeit zu Zeit nach Westberlin fuhr, um dort das große Geld zu machen. Ruth wurde bald die Frau an der Seite des jungen Mannes, Hanna dessen Geliebte, die schwanger wurde. Als sie das ihrem Liebhaber, der mit seiner Gattin inzwischen über einer Bäckerei wohnte, offenbarte und ihn drängte, zu ihr zu kommen, griff der eiskalt zu. Er erwürgte Hanna, stach zusätzlich auf sie ein. Seine bis dahin ahnungslose Frau eilte herbei. Zusammen schafften sie das Opfer in den Keller. Dort zerstückelte der Mörder die Leiche und versteckte die Teile unter Kohlestücken, die der Bäckermeister in seinem Backofen zum Heizen verwendete. Der Täter indes holte von Zeit zu Zeit Leichenteile in seine Wohnung hoch, um sie im Kachelofen zu verbrennen. Der penetrante Geruch wurde vom Duft der Backwaren im Haus überlagert. Eines Tages jedoch spielte der Bäckerjunge mit Freunden im Kohlenkeller, sah eine leblose Hand herunterhängen – und aus war das Versteckspiel. Seinen Eltern und Hannas Mutter wollte der Mörder glauben machen, die Getötete sei mit einem Freund nach Westberlin durchgebrannt. Die Polizei deckte das Geschehen aber auf. Letztlich musste der Mann für 15 Jahre hinter Gitter.

Spektakulärer Fall
Fast noch spektakulärer war jener Fall, der sich im Sommer 1965 zutrug und an den sich selbst Eveline Schulze noch erinnert. „Ich war damals 14. Nachdem einige Dinge durchgesickert waren, verbot mir meine Mutter, allein auf die Straße zu gehen. Es gab Einwohnerversammlungen, Teiche wurden leer gepumpt, Leichensuchhunde aus Dresden angekarrt. Die Kinder hatten Angst, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, die ganze Stadt war in Panik geraten.“ Doch was war geschehen? Eine elfjährige Schülerin hatte in den großen Ferien – um sich das Taschengeld aufzubessern – Altstoffe gesammelt. Immer wieder. Mal mit einer Freundin, mal allein. Eines Tages jedoch kam sie nicht zurück.
Spur führt unter die Küche
Nach der Vermisstenanzeige der Eltern begann die Polizei die gesamte Altstadt abzusuchen. Die Leute waren in Aufruhr, viele fürchteten um das Leben ihrer Kinder. Dann schlugen Fährtenhunde auf dem Nikolaifriedhof an. Immer wieder bellten sie an einer Gruft im historischen Teil. Man öffnete die alte Grabanlage, fand jedoch nichts. Systematisch wurde der ganze Friedhof „auf den Kopf“ gestellt. Dann gingen Hinweise ein, ein Friedhofsmitarbeiter sei mit einem großen Koffer gesehen worden. Der Einsatzstab verfolgte die Spur, zumal der Mann für die Ermittler kein unbeschriebenes Blatt war. In manchen Grüften hatte er Parties gefeiert, war in den 1950ern mehrmals zwischen Ost und West gewechselt. Zudem brüstete er sich, in der Fremdenlegion gedient zu haben. Der Garten seiner Wohnung am Obersteinweg jedenfalls grenzte an die alte Stadtmauer, die in diesem Bereich zugleich Teil der Friedhofsmauer war. Im Laufe der Jahrhunderte hatte Salpeter dort das Mauerwerk zersetzt, sodass die Spürhunde den Leichengeruch in der Gruft wittern konnten, obwohl das tote Mädchen auf der anderen Mauerseite unter den Dielen der Küche des Täters lag. In mehreren Nächten hatte der Mann versucht, heraus geschabte Erde wegzubringen, um Platz zu schaffen für den Mädchenkörper, den er in Beton einmauern wollte. Die Vernehmung brachte später ans Licht, dass er sexuell pervers veranlagt war, sich an Leichen und seinen eigenen Kindern vergangen hatte. Die Elfjährige jedoch hatte er offenbar nicht unsittlich berührt. Allein ihre Anwesenheit habe ihn so sehr erregt, dass er sie im Affekt erwürgt habe, fand Eveline Schulze bei ihren Recherchen heraus. Im Urteil des Gerichtes wurde er als nicht zurechnungsfähig eingestuft und in eine Spezialklinik eingewiesen. Dort saß er bis 1990 ein und starb zwei Jahre später in einem Chemnitzer Krankenhaus. Etwa ein halbes Jahr hat Eveline Schulze gebraucht, um sämtliche Fakten zusammenzutragen. Derzeit schreibt sie an ihrem fünften Buch, das erneut spektakuläre Fälle beschreiben soll.
Das Buch „Mord in der Backstube – Authentische Kriminalfälle aus der DDR“ ist im Verlag Das Neue Berlin erschienen, die ISBN lautet:
978-3-360-02154-0.
Uwe Menschner
Lausitzer Rundschau vom 21 + 22. Dezember 2012

 

 

 

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