Die Miss Marple von Görlitz

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Eveline Schulze am Tatort des Krimis „Die Schlinge“ in der früheren Ernst-Thälmann-Straße 15.

Foto: Wolfgang Thieme

Eveline Schulze hat mit lockerer Feder wieder harte Fakten recherchiert. Die Görlitzerin greift nicht nur authentische Kriminalfälle auf. Sie reflektiert auch das Leben in der DDR.
Görlitz. Für die, die sie bewundern, ist sie die scharfsinnige Miss Marple von Görlitz. Andere betrachten Eveline Schulze eher mit Argwohn. Es ist doch keine Kunst, Krimis zu schreiben, wenn man über Jahre bei der Kriminalpolizei gearbeitet hat, meinen sie. Eveline Schulze schmunzelt über solche Bemerkungen, sind sie doch vor allem eins: oberflächlich.

Anders als bei Miss Marple in den Romanen von Agatha Christie sind Schulzes Kriminalfälle längst aufgeklärt. Sie ereigneten sich alle zu DDR-Zeiten und alle in Görlitz, der Heimat der 1950 geborenen Autorin. Manche sind ihr in Erinnerung, weil sie Stadtgespräch waren. Von anderen weiß sie durch ihren früheren Job. Es fragen auch Bürger, ob sie mal recherchieren könnte, zu einem Fall, zu dem es stets nur Gerüchte gab. Dann wird sie auf ihre Art doch zur Miss Marple. „Gerade Tötungsdelikte wurden in der DDR meist nur mit einer kurzen Nachricht in der lokalen Presse vermeldet“, weiß Eveline Schulze.

Die optisch wie eine Mittvierzigerin wirkende Frau ist schon ein wenig stolz, dass sie fünf Jahre nach Beginn ihrer Arbeit als Autorin nun mit „Kindsleiche im Ofen“ ihr fünftes Buch mit authentischen Kriminalfällen vorgelegt hat. Es sind diesmal drei Beziehungsdramen, in denen weniger die Verbrechen im Mittelpunkt stehen, sondern vielmehr die Frage: Wie können anfangs intakte Beziehungen derart eskalieren, dass ein Partner zum Mörder wird? „Die Suche nach Antworten, die Recherchen zu Hintergründen, das Eindringen in die Psyche der Akteure, das ist die eigentliche Detektivarbeit,“ räumt die Görlitzerin ein. Drei Viertel der Zeit verwende sie darauf. Das Gesammelte dann spannend, aber keinesfalls reißerisch zu Papier zu bringen, sei für sie keine große Schwierigkeit. Ihr Markenzeichen sind DDR-typische Dialoge, die sie offenbar in ihrem Kopf abgespeichert hat und die den Leser selbst bei der brutalsten Geschichte ab und an schmunzeln lassen.

Geschrieben hat Eveline Schulze schon immer. Nach dem Abschluss der zehnten Klasse und einer Lehre als Bürokauffrau zunächst als Sekretärin im nahen Kraftwerk Hagenwerder, danach als Arztsekretärin in der Chirurgie einer Poliklinik. Nach dem kurzen medizinischen Gastspiel, das sie zwar nicht zur Pathologin macht, ihr aber zu chirurgischem Grundwissen verhilft, kehrt sie ins Kraftwerk zurück – in die Redaktion der Betriebszeitung „Kraftquell“. Sie qualifiziert sich im Fernstudium bei einem sechsmonatigen Lehrgang für Betriebszeitungsredakteure – mit inzwischen zwei kleinen Kindern. 1978 folgt ein Journalistik-Fernlehrgang in Leipzig.

Blickt die Görlitzerin zurück, dann ist ihr vor allem eins in Erinnerung: „Bei einer Zeitung für Kraftwerker musste man auf den Punkt kommen. Die wollten nicht auch in ihrem Betriebsblatt noch großes Geschwafel lesen. Dort habe ich gelernt, Sachverhalte kurz und prägnant zu formulieren.“

1980 wechselt Eveline Schulze vor allem wegen der inzwischen drei Kinder erneut die Arbeitsstelle. Sie beginnt im Volkspolizeikreisamt in der dortigen Geschäftsstelle. „Sicher habe ich da als Sekretärin einiges mitbekommen, schließlich war ich zuletzt sogar im Rang eines Oberwachtmeisters“, erzählt sie. „Aber vieles war nicht so spannend, wie sich der Laie das vorstellt.“ Vom Kaninchendiebstahl über Verkehrsunfälle bis hin zu unnatürlichen Todesfällen – jeder Vorgang sei erfasst worden. Ab und zu habe sie auch Vernehmungen protokolliert. „Aber keiner soll glauben, dass ich aus dieser Zeit etwa noch Unterlagen habe. War ein Fall geklärt, gingen sämtliche Akten zur Staatsanwaltschaft. Ich sah sie nie wieder.“

So auch im Fall Angelika M., nach dem Eveline Schulze einen ihrer Sammelbände benannt hat. Fünf Monate blieb diese junge Frau spurlos verschwunden. „Mancher hatte die Geschichte schon abgehakt und geglaubt, die Görlitzerin sei mit einem Typen durchgebrannt. Nur ein Kriminalist war fest überzeugt, dass etwas nicht stimmte und dass diese Frau niemals ihr Kind im Stich gelassen hätte“, erinnert sich Schulze. Im Frühjahr 1981 entdeckt ein Angler die Leiche der Frau in einem Teich. Eingeschnürt in eine Decke, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen. „Ich war damals selbst mit vor Ort. Wir hatten Angelika M. zwar endlich gefunden, doch wer hatte sie so grausam zugerichtet? Wochenlang haben wir mit allen verfügbaren Leuten in einer speziellen Einsatzgruppe gefahndet. Jede neue Erkenntnis, jeder noch so kleine Hinweis wurde auf Karteikarten erfasst, immer wieder haben wir die gesichtet, ergänzt, Notizen verworfen. Es war ein irrsinniger Aufwand. Am Ende hatten wir hunderte Karteikarten und drei Täter.“

Sie selbst habe ihre Kompetenzen als Sekretärin manchmal überschritten. „Ich habe Formulierungsvorschläge gemacht, wenn ich meinte, man sollte etwas anders ausdrücken. Aber das kam nicht immer gut an. Auch wenn ich versucht habe, etwas zu hinterfragen, bekam ich oftmals keine Antwort.“

1987 scheidet Eveline Schulze aus dem Polizeidienst aus. Sie heiratet ein zweites Mal. Ab 1990, nach der Geburt ihres fünften Kindes, bleibt sie zu Hause, arbeitet als freie Journalistin und hilft ihrem Mann beim Bücherschreiben. Dieter Schulze ist einer der ersten Kriminalisten aus dem Osten, den das Bundeskriminalamt ausbildet. Sein später erschienenes „Großes Buch der Deutschen Volkspolizei“ ist ein wenig auch ihr Werk. „Ich habe ihm Tipps zu Sprache und Stil gegeben. Da sagte er eines Tages zu mir: ,Warum schreibst du nicht mal was, wo dein Name drüber steht?‘ Diese Idee ging mir nicht mehr aus dem Kopf.“

Jedes neue Buch stellt Eveline Schulze bei Lesungen vor. Mitunter hat sie dann auch Experten an ihrer Seite: den Görlitzer Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu, pensionierte Kriminalisten oder jenen Kriminaltechniker, der ihr oft hilfreiche Tipps gibt. Frühere Kripo-Kollegen seien anfangs eher auf Distanz zu ihr gegangen. „Aber seit sie wissen, dass ich in meinen Büchern ihre Arbeit eigentlich aufwerte, öffnen sie sich, helfen bei der Rekonstruktion von Fällen und Recherchen.“ Die gestalten sich oft schwierig. Viele Akten existieren nicht mehr oder nur lückenhaft. „Ich lege aber Wert darauf, dass die Geschichten im Kern authentisch sind. Ich verpacke sie dann nur so, dass Täter, Opfer und Angehörige geschützt bleiben.“

Für ihre Recherchen wälzt Eveline Schulze sogar Unterlagen der Friedhöfe. Sie nimmt Einblick in Zeitungs- und Staatsarchive und sucht Zeitzeugen auf. Für „Kindsleiche im Ofen“ hat sie Hebammen und einen Gynäkologen konsultiert.

Die Anregung für diese Recherche kam von einem Bewohner jener Siedlung, in der sich das Verbrechen in den 1960er-Jahren zugetragen hat: Eine Mutter lässt ihrem Mann unmittelbar nach der heimlichen Geburt ihres siebten Kindes freie Hand, das Baby zu töten. Längst ist sie des Mannes überdrüssig, dem sie sexuell immer gefügig sein muss. Sie wird als Mitwisserin zur Mittäterin. Das Verbrechen wird erst entdeckt, als die Frau erneut schwanger ist. „Woran bemerkt ein Arzt, dass eine Frau einige Monate zuvor ohne medizinische Hilfe ein voll ausgebildetes Kind zur Welt gebracht hat? Zu dieser Frage habe ich mir fachlichen Rat geholt. Es muss ja am Ende alles stimmig sein“, meint Schulze. Die Geschichte beschreibe aber auch die Rolle der Frau in einer Zeit, in der es keine Pille gab und in der die Gleichberechtigung zum Großteil noch Theorie war.

Der Fall „Amok“ – der dritte Krimi im jüngsten Band – steht für ein Verbrechen aus den 80er-Jahren: Ein betrogener Steinmetzmeister zerlegt mit einer Spitzhacke nicht nur das Inventar seines Eigenheims und seinen über alles geliebten Wartburg, sondern geht mit einem Messer sogar auf seine beiden Kinder los – weil ihn die Ehefrau wegen eines anderen verlassen will, weil ihr der private Wohlstand nicht die zwischenmenschlichen Beziehungen ersetzen kann, die in ihrer Ehe auf der Strecke geblieben sind.

Der deutsche Büchermarkt ist voll mit authentischen Kriminalfällen. Die aus DDR-Zeiten sind wohl auch deshalb so gefragt, weil sie ein Stück Zeitgeschichte widerspiegeln. „Die Realität wurde damals nicht so abgebildet, wie sie war, Gewaltverbrechen passten nicht ins Bild vom Sozialismus. Vieles blieb im Dunkeln“, weiß auch der Görlitzer Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu. „Eveline Schulze trifft aber wohl auch den Nerv der Leser, weil sie mit einem lockeren Schreibstil die Ereignisse nicht nur wiedergibt, sondern eine eigene Dramaturgie entwickelt, sie zu erzählen.“ Der Oberstaatsanwalt moderiert gern ihre Lesungen. „Es ist schon interessant, was die Leute da alles wissen wollen. Einmal, da hatten wir noch einen Kriminaltechniker dabei, musste ich das Publikum allerdings daran erinnern, dass wir in einer Lesung sind und nicht in einer Schulungsveranstaltung zum Thema: Wie bringe ich meinen Partner um, ohne Spuren zu hinterlassen.“

Freie Presse am 06.11.2013 (Von Gabi Thieme)

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