Bild Zeitung vom 19.3.2015

EINE EHEMALIGE KRIPO-SEKRETÄRIN SCHREIBT DIE VERGESSENEN VERBRECHEN DER DDR AUF

Ich bin die Miss Marple von Görlitz

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Wie die Miss Marple aus den Agatha-Christie-Filmen ist die Görlitzerin Eveline Schulze (64) auf der Jagd nach Mördern

Foto: Dirk Sukow
19.03.2015 – 00:02 Uhr
  • Von DR. JUERGEN HELFRICHT

Görlitz – Eine Dame mit Filzhut, Wollrock, Stöckchen und Handtasche inspiziert Gassen, lugt in Fenster, stöbert auf Dachböden und Kellern nach Indizien: Eveline Schulze (64)!

Wer ihr begegnet, grüßt lieber ehrfürchtig. Denn in der Neißestadt kennt man sie nur als die „Miss Marple“ von Görlitz. Und das macht die einstige Kripo-Sekretärin richtig stolz: „Mord ist eben mein Hobby.“

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„Miss Marple“ von Görlitz bei der Arbeit
Foto: Dirk Sukow

Wie die schrullige Jane Marple in den Agatha-Christie-Filmen ziehen sie Verbrechen magisch an. Und so ist sie fast täglich auf den Spuren alter, in der DDR oft verheimlichter Kriminalfälle.

Eveline Schulze: „Für mein sechstes Buch* bin ich ins Jahr 1967 abgetaucht. Eine schizophrene Mutter brachte mit der alten Wehrmachtspistole erst den Schäferhund, dann die 11-jährige Tochter und zuletzt sich selbst um.“

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Die echte Miss Marple ist eine Romanfigur von Agatha Christie (1890–1976)
Foto: dpa Picture-Alliance

Sie führt die BILD-Reporter zu Görlitzer Mord-Häusern, erzählt: „Oft geben mir Verwandte der Opfer Fotos und Dokumente.“ Viele Monate recherchiert sie dann in Bibliotheken und Archiven, besucht die schaurigen Orte, befragt Zeugen und pensionierte Staatsanwälte.

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Vor dem Rathaus zückt sie die Lupe, sucht auf dem Pflaster
Foto: Dirk Sukow

Vor dem Rathaus kniet sie sich plötzlich aufs Pflaster, zückt die große Lupe: „Dieser Fleck könnte Menschenblut sein!“ Wir halten kurz inne; dann lacht sie laut los: „Hab‘ ich Sie erschreckt?“

Oft führt sie die Spur der Verbrechen auf Friedhöfe. Hier holt sie sich Tipps vom Leichenbeschauer, stochert mit dem Stock zwischen Gräbern, inspiziert die verwitterten Gruft-Platten: „Jedes Detail ist wichtig. Meine Bürste, um alte Inschriften freizulegen, habe ich immer dabei.“

Ihr spektakulärster Fall: Der Leichenschänder, der sich einen Tunnel zum Friedhof grub

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Schülerin Roswitha (†11) wurde 1965 vom Leichenschänder ermordet
Foto: Repro Robert Allertz

Eveline Schulzes größter Coup: Sie brachte ein von der DDR vertuschtes Verbrechen, den Fall des Görlitzer Leichenschänders Kuno Peschel (34), an die Öffentlichkeit!

Der Mann war ein Nekrophiler, befriedigte seinen Sexualtrieb an Leichen und Mumien. Deshalb wurde er Hilfstotengräber, bezog neben dem Friedhof am Obersteinweg 16 eine Erdgeschosswohnung. Vom Keller aus grub er einen Gang in die benachbarte Gruft.

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Aus der Ermittlungsakte: das Sofa, auf dem Mörder Kuno Peschel die Schülerin erwürgte
Foto: Repro Robert Allertz

Eveline Schulze: „In seiner Gier nach einer frischen Leiche lockte er 1965 die 11-jährige Schülerin Roswitha zu sich, erwürgte sie und verging sich an der Kleinen.“

Wie die „Miss Marple von Görlitz“ heraus fand, wurde er wegen Unzurechnungsfähigkeit 1966 in die Psychiatrie Weitzschen eingeliefert. 1992 starb er an Lungenkrebs.

*“Vaters Pistole. Authentische Kriminalfälle“, Verlag Das Neue Berlin, 12,99 Euro. Buchpremiere ist am 25. März bei „Thalia“ an der Berliner Straße in Görlitz.

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