Görlitzerin hat neue alte Fälle recherchiert – Freie Presse vom 17.7.2015

Görlitzerin hat neue alte Fälle recherchiert

Eveline Schulze greift auch in ihrem aktuellen Buch Verbrechen auf, die sich in ihrer Heimat ereignet haben – nun auch nach der Wende

erschienen am 17.07.2015

Görlitz. Die Seiteneinsteigerin Eveline Schulze hat sich wieder mit Kriminalfällen ihrer Heimatstadt Görlitz befasst. Obwohl sie längst aufgeklärt sind, gewinnt sie ihnen spannende Details ab. Und sie beleuchtet stärker als bisher das gesellschaftliche Umfeld, in dem sich die Verbrechen ereigneten – in der DDR und bis hinein in die Gegenwart. Mit der 64-Jährigen unterhielt sich Gabi Thieme.

Freie Presse: Frau Schulze, Sie haben in Ihrem sechsten Buch erneut drei Kriminalfälle rekonstruiert, die sich in Görlitz ereignet haben. Wer oder was gab diesmal Anregungen für Ihre Recherchen?

Eveline Schulze: Es gibt fast nie einen unmittelbaren Anlass. Aufgrund der langjährigen Beschäftigungen mit hiesigen Kriminalfällen findet man in alten Zeitungen, in Gesprächen mit älteren Görlitzern oder in Archivunterlagen immer nützliche Hinweise. Manchen Vorgang habe ich auch, da ich ja selbst einmal bei der Polizei gearbeitet habe, in der Erinnerung. Ich gehe den Dingen nach und versuche die Geschichten thematisch zu bündeln. Drei Fälle, die einen inneren Zusammenhang haben, geben ein Buch. Die Klammer für das jüngste war das Systemübergreifende. Die eine Geschichte reichte vom Nazireich in die DDR-Zeit, die anderen Kriminalfälle nahmen ihren Ausgang in der DDR und enden in der Gegenwart.

Die erste Geschichte „Vaters Pistole“ ist ja kein Mord oder Doppelmord, sondern ein sogenannter Mitnahmesuizid: Eine Mutter tötet ihre 15-jährige Tochter und sich selbst. Das große Rätsel in diesem Fall ist die Tatwaffe, eine Luger, wie sie 1938 produziert wurde. Woher haben Sie denn Ihr ganzes Wissen über die so detailliert beschriebene Pistole?

Da diese Pistole in den Anfangsjahren noch die Dienstwaffe der Volkspolizei war, gab es ausführliche Beschreibungen in DDR-Polizeibüchern. In die habe ich mich vertieft.

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Sie verwenden ein Foto vom Tatort, auf dem das erschossene Kind zu sehen ist, ferner eins von 2014 von dem Schuppen, in dem die Waffe versteckt lag. Bekommen Sie oder der Verlag da nicht Ärger wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten?

Das ist in der Tat ein strittiger Punkt. Es geht ja nicht nur um Persönlichkeitsrechte, sondern auch um Pietät. Darf man eine Leiche zeigen? Ein Schuppen ist keine juristische Person. Folglich hat er auch keine Rechte. Menschen schon, auch wenn sie tot sind. Und es gibt Angehörige. Mit dem Verlag erfolgt dann die Absprache, was geht, und was nicht geht. Es gibt dort juristische Berater, die auch ein Wörtchen mitreden.

Woher bekommen Sie eigentlich Tatortfotos aus dem Jahr 1967? Eins zeigt ja auch das von einem Projektil durchbohrte Vertiko.

Informantenschutz gilt nicht nur für Journalisten, sondern auch für Buchautoren. Sie geben doch Ihre Quellen auch nicht preis.

Die zweite Geschichte „Endstation“ ist Ihr erster Fall, der sich nach der Wende, konkret 2003, ereignete. Sie beschreiben da extrem genau Personen im Trinkermilieu. Das kann doch nicht nur angelesenes Wissen sein?

Muss man selber morden, um zu wissen, was einer dabei denkt oder empfindet? Nein, alles fußt auf Beobachtungen, Gesprächen mit Therapeuten und, ja, auch auf der Lektüre einschlägiger Untersuchungen.

Die Eltern, die in der dritten Geschichte ihr Kleinkind verhungern lassen und dann behaupten, es sei am plötzlichen Kindstod gestorben, schildern Sie in ihren Denk- und Verhaltensweisen so, als wären Sie Psychologin. Wie kommen Sie zu solchen Studien?

Da ich selbst Mutter von fünf Kindern bin, bewegt mich das Schicksal von getöteten Kindern besonders. Das Herausarbeiten der Motive ist mir deshalb wichtig. Traurig bin ich, dass in meinen aufgearbeiteten Fällen die Stressfaktoren überforderter Eltern nicht die tragende Rolle spielen. Vielmehr sind Gleichgültigkeit, Egoismus und in einem Fall sogar Standesdünkel die Grundlagen für die Verbrechen. Und selbst in der DDR schauten viele gleichgültig zu – auch Verantwortliche.

Hat es vielleicht auch ein bisschen mit Ihrem Ehrenamt in der Görlitzer Kleiderkammer zu tun, dass Sie mehr als in den ersten Büchern solche Milieu-Studien betreiben?

Ohne Zweifel hinterlässt meine Tätigkeit als Verantwortliche im DRK-Sozialladen Spuren. Hier bekomme ich manches Trostlose zu hören. Andererseits hilft es mir sehr, mich in die Verhaltens- und Gefühlswelt dieser Menschen hineinzuversetzen. Ein wenig Fantasie gestehe ich mir dabei aber auch zu.

Geschickt lassen Sie scheinbar nebenher viel vom DDR-Alltag anklingen, zum Beispiel wenn Sie erzählen, wie sich ein guter Kriminalist wegen Fremdgehens in einem Parteiverfahren verantworten musste. An anderer Stelle bauen Sie ein, wie durch die FDJ-Initiative Berlin die Hauptstadt zum Schmuckkästchen wurde und andere Städte verfielen. Warum reflektieren Sie so viel vom DDR-Alltag?

Weil ich in der DDR gelebt habe. Wenn ich Texte von Westdeutschen oder nach der Wende Geborenen lese, die ihre Geschichten aus den umlaufenden Klischees reproduzieren, oder Fernsehfilme sehe, die die DDR direkt oder indirekt zum Gegenstand haben, finde ich, dass dies selten bis nie etwas mit der DDR-Realität zu tun hat. Im Kern kreist alles um Mauer, Stasi, Schießbefehl. Das gab es alles, gewiss. Aber es gab wesentlich mehr. Wenn eines Tages die Bundesrepublik nicht mehr existieren sollte, wäre es auch falsch und einseitig, sie im Nachgang auf Hartz IV, Fremdenfeindlichkeit, Drogen und demografischen Wandel zu reduzieren.

Beim Telefon sprechen Sie einmal von einem Bakelithörer, bei einem Polizei-Auto vom Typ Wolga von einer Russensänfte, die Stasi ist für Sie Horch & Guck. Wollen Sie damit auch ein bisschen zur Bewahrung von DDR-Wortschatz beitragen?

Nein. Sprache ist lebendig, sie verändert sich, Versuche einer „Bewahrung“ haben keine Chance auf Erfolg. Ich nenne die Dinge so, wie sie zum Zeitpunkt des Geschehens eben hießen.

Ist das Interesse an Ihren Geschichten so groß, weil man in der DDR kaum etwas über Tötungsdelikte erfuhr?

Da muss ich Sie korrigieren. Tötungsdelikte wurden auch in der DDR bekannt. Allerdings nicht mit solchen Schlagzeilen und nicht in solcher Ausführlichkeit wie heute. Nicht selten bringe ich in meinen Büchern Faksimili von Polizeimeldungen und Gerichtsreportagen, die das belegen. Das Interesse an Gewaltverbrechen ist nun einmal groß und hat nichts mit unserer Geschichte zu tun: 80 Prozent der Neuproduktionen im Fernsehen sind Krimis. Nebenbei bemerkt: Ist das die ganze Wirklichkeit?

In jedem Buch verwenden Sie immer wieder neue DDR-typische Dialoge. Haben Sie die alle noch im Kopf abgespeichert ?

Niemand merkt sich Tausende Dialoge. Die sind alle erfunden. Es sind dramaturgische Hilfsmittel, um Sachverhalte, Milieus, Haltungen und Denken von Beteiligten darzustellen. Und manchmal hilft es auch, der Sache eine witzige Wendung zu geben. Nicht bei jedem Dialog-Beginn weiß ich, wo er mich hinführt. Ein Wort gibt das nächste … Die hölzernen Gespräche in TV-Soaps können einen schon gruseln. So redet kein Mensch. Ich baue meine Dialoge und glaube: So haben wir damals gesprochen.

Sie haben nicht nur einen lockern Schreibstil, sondern entwickeln eine richtige Dramaturgie. Wo haben Sie das gelernt?

Vielleicht bin ich ein Naturtalent.

Von 1980 bis 1987 haben Sie als technische Angestellte bei der Kripo in Görlitz gearbeitet. Inwieweit kommt Ihnen das als Krimi-Autorin heute zugute?

Mit eigentlichen Ermittlungsaufgaben war ich nie befasst. Allerdings war ich als Kriminalistin, die administrativ in der Geschäftsstelle tätig war, bei großen Fällen eingebunden. Täter habe ich nicht gejagt.

Dürfen sich Ihre Fans auf ein nächstes Buch freuen?

Dürfen sie. Mein Verlag drängelt nicht, gibt mir aber immer das Gefühl, dass er sich sehr freut, wenn ich wieder etwas anbiete.

Das Buch : Eveline Schulze: „Vaters Pistole. Authentische Kriminalfälle“ . Verlag Das Neue Berlin. 256 Seiten. 12,99 Euro. ISBN 978-3-360-02194-6. Bei der „Freien Presse“ bestellbar.

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Das Schaufenster der Thalia-Buchhandlung in Görlitz mit dem neusten Buch „Vaters Pistole“

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